Jugendwohnen: Wirtschaft und Sozialpädagogik - Perspektiven auf einen klaren Bedarf

50/60 Kilometer Entfernung vom bisherigen, elterlichen Zuhause bis zum Ausbildungsort bedeuten oftmals mehr als zwei, drei Stunden tägliche Wegzeit zur Ausbildung. Für viele junge Menschen ist bereits das Grund genug, in die Nähe der ausbildenden Firma zu ziehen. Oder die familiären Verhältnisse Zuhause lassen lieber eine eigene Bleibe suchen: sei es der familiäre Stress oder das schlichte Fehlen einer Herkunftsfamilie, die nicht nach Deutschland nachziehen darf. Auf der anderen Seite suchen viele kleinere und mittlere Firmen, manchmal händeringend, junge Menschen, die in ihrem Betrieb einen Beruf erlernen möchten. Viele Betrieb fangen an, auch weiter weg zu suchen. Das aber erfordert zunehmend mehr als nur die Fachlehre. Die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit hält manchmal noch nicht Schritt mit den Krisen, die es in jeder Ausbildung gibt, manchmal auch nicht mit der geforderten Lebensgestaltung insgesamt. Eltern wiederum zögern oft, wenn das eigene Kind weit weg zieht, um eine Ausbildung aufzunehmen.

All das spräche grundsätzlich für eine gute Zukunft des Jugendwohnens in Deutschland. Von einer Aufbruchstimmung aber sind alle, Betriebe, Bildungsakteure, Jugendsozialarbeit und Jugendhilfe, kommunale Wirtschaftsförderung oder auch die klassischen Beteiligten, die Arbeitsagenturen und die freigemeinnützigen Träger des Jugendwohnens weit entfernt. Noch wird zu sehr auf althergebrachte Vorgehensweisen gesetzt. Das sollte sich ändern.
 

Lebensphase „Berufswahl und gelingender Berufseintritt“

Früher konnte man als junger Mensch, bei pauschalierter Betrachtung und mit allen Vor- und Nachteilen, oftmals auf eine über viele Jahrzehnte entwickelte Normalbiografie setzen, die sich an starken (Familien-) Traditionen orientierte, oder an der man sich abarbeiten musste oder bewusst mit ihr brach. Heute ist die Passage Ende der Vollzeitschule und dann in den Beruf zu einer Wahlbiografie geworden, die Wahl aber immer häufiger zur individuellen Qual. Im Raum steht der Druck der „richtigen“ Berufswahl, ohne dass ein guter Jobeinstieg gesichert ist. Unklar ist allzuoft, was einen erwartet. Die Krise der Arbeitsgesellschaft hat die Jugend längst erreicht.

Der Verheißung „Die Welt steht dir offen“ steht die Wirklichkeit gegenüber „Schau, dass du überhaupt etwas findest, aber das Richtige!“, das ist selbst in dieser Zeit des Fachkräftemangels in den Köpfen verankert. Nach der Lebenswelt Schule beginnt im besten Fall eine neue Lebenswelt Betrieb. Bei einer Ausbildung in der Fremde, ist das Leben in einem bis dahin unbekannten Sozialraum, ohne eigenes Netz zu gestalten.

Der Übergang in die Berufsausbildung ist geprägt davon, zu lernen, Erfolge einzuordnen, Widersprüche zu bewältigen, Enttäuschungen auszuhalten, mit Rückschlägen klarzukommen, sich zu entscheiden und dabei zu bleiben. Es ist die -längere- Phase der Herausbildung individueller Handlungsfähigkeit, also gehbare Wege zu erkennen und zu ergreifen. Unterstützung, mal weniger mal mehr ist dabei hilfreich.

Der Bedarf aus Sicht ausbildender Unternehmen

Die aktuelle Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) im April/Mai 2017 unter mehr als 10.000 Betrieben zeigt, 31% aller Betriebe konnten nicht alle Ausbildungsstellen besetzen. Jeder sechste Betrieb sucht überregional nach geeigneten Auszubildenden. Berufsschulunterricht dünnt durch die jahrelange Kürzung öffentlicher Bildungsinfrastruktur zunehmend aus. Für jeden fünften Betrieb sind die weiten Wege dorthin ein echtes Ausbildungshemmnis, in Ostdeutschland oder in der Baubranche gilt dies gar für jeden dritten Betrieb. Eine einfache Lösung ist da der mehrwöchige Blockschulunterricht auch nicht, wenn es keine geeigneten Unterkünfte gibt; mit der Betonung auf geeignet.

Mehr als die Hälfte der ausbildenden Betriebe stellt Mängel in der Ausbildungsreife der Auszubildenden fest: bei Leistungsbereitschaft und Motivation, Disziplin und Belastbarkeit. Die Auszubildenden selbst nehmen die damit verbundenen Konflikte mit in ihre Freizeit. Nicht jede oder jeder schafft es ohne Unterstützung gelingende Bewältigungsstrategien zu entwickeln.

Die Bereitschaft von Betrieben sich zu engagieren steigt seit Jahren an: 40% der Betriebe bieten eigene Nachhilfe an. Nur noch jeder fünfte Betrieb gibt an, für die Gruppe lernschwächerer junger Menschen verschlossen zu bleiben. 30% geben ihnen auch eine Chance, ohne dass diese eine öffentliche Unterstützung „mitbringen“. Die Bereitschaft für langfristige Berufspraktika wächst.

Jugendwohnen - Überblick

Die Kinder- und Jugendhilfestatistik meldet für 2014 265 Einrichtungen in der Kategorie Jugendwohnen nach § 13, Absatz 3 SGB VIII mit rund 20.000 Plätzen. Eine Evaluation des Jugendwohnens ergab für 2008 mehr als doppelt so viele Einrichtungen mit zweieinhalbmal mehr Plätzen. Klar ist, nicht alle Einrichtungen, die Jugendwohnen anbieten, tauchen in der Statistik auf, auch wenn für fast alle die rechtliche Verankerung eine Betriebserlaubnis im SGB VIII bildet. 90% der aktuellen Angebote liegen in sieben Bundesländern, in Baden-Württemberg, Bayern, in NRW, im Osten (ohne Berlin, Brandenburg).

Jugendwohnen bietet gemeinschaftliches Wohnen mit Gleichaltrigen außerhalb des Elternhauses während der berufsschulischen und dualen Ausbildung. Es bietet sozialpädagogische Begleitung, die soziale Prozesse im Zusammenleben steuert, Entwicklungsimpulse setzt und: individuelle Fragen und Probleme klärt. Jugendwohnen erweitert auch gezielt soziale Kompetenzen zur gelingenden Bewältigung von Ausbildung und Eingliederung in Berufstätigkeit. Kurz: die Leistungen sind jugendspezifische Entwicklungsaufgaben, Bildung, Übergangsgestaltung und Mobilität.

Fragt man die jungen Menschen im Jugendwohnen selbst, geben sie, die zu drei Vierteln erstmals außerhalb des Elternhauses leben und nur in wenigen Fällen aus der Verselbständigung nach einer stationären Hilfe kommen, an, dass sie vorrangig Ansprechpersonen für Fragen und Schwierigkeiten im Alltag suchen, sich aufgehoben fühlen wollen und begleitet zu werden. Unterstützungsbedarf sehen sie für sich selbst zu gleichen Teilen in Berufsschule / Beruf wie im persönlichen Bereich. Sie wollen mitgestalten, mit Gleichaltrigen zusammen leben und interessante Freizeitangebote vorfinden.

Fast alle bestehenden Einrichtungen bieten freizeitpädagogische Angebote und regelmäßige Einzelgespräche. Etwa die Hälfte der Einrichtungen kooperiert mit Ausbildungsbetrieben und Berufsschulen oder bezieht neben individuellen Hilfen bei persönlichen Problemlagen auch Elternarbeit ein. Knapp die Hälfte erarbeitet einen Förderplan für über die Einrichtung angebotene oder organisierte ausbildungsergänzende und -unterstützende (sprach-, allgemein- und berufsbildende) Bildungsleistungen.

Jugendwohnen: Wirtschaft, Kommune und Jugendsozialarbeit

Jugendwohnen ersetzt niemals spezifische Unterstützungsangebote etwa der Erziehungshilfe oder des betreuten Wohnens in der Eingliederungshilfe. Es ist auch kein Beitrag zur unsäglichen Diskussion der bayerischen Landesregierung um eine Erziehungshilfe light für traumatisierte junge Geflüchtete. Das sollte zunächst klar sein. Ein bestehender Erziehungshilfebedarf ist immer individuell gesondert abzudecken.

Bislang erfolgt die Finanzierung eines Jugendwohn-Angebotes in einem je Einrichtung sehr verschiedenen Mix aus Selbstzahlenden (inkl. öffentlicher Förderung durch BaföG / BAB), Rehabilitanden, die als Teilnehmende in beruflicher Rehabilitation auch dort wohnen, wo sie Lernen, mitzahlenden Betrieben und Kammern, Schulamtsförderung bei Blockschulunterricht sowie der Jugendhilfe. Die Anteile sind allerdings sehr unterschiedlich verteilt, die ersten beiden Gruppen machen ca. ein Viertel der Wohnenden aus, Kammern und Betriebe finanzieren bislang ca. jeden siebten Platz, das Schulamt jeden zehnten. Vom Jugendamt werden weniger als 10% der Plätze mitfinanziert. Komplette Neuinvestitionen im Jugendwohnen werden von Niemandem gefördert.

=>Daher müssen in weiten Teilen Deutschlands neue Wege im Rahmen einer bisher eher ungewöhnlichen lokalen Vernetzung von Jugendhilfe und lokaler Wirtschaft beschritten werden.

Jugendwohnen gehört in die Hand von Profis: die finden sich in der Freien Wohlfahrtspflege bei Trägern der Jugendhilfe, der Jugendsozialarbeit und der Jugendberufshilfe sowie in den Betrieben selbst.  Jugendwohnen ist aber immer auch kommunal, in einer Stadt, einem Landkreis angesiedelt. Daher gehören auch das Jugendamt als Fachbehörde, aber auch die Wirtschaftsförderung und lokale Unternehmensverbände mit an den Tisch. Einzubinden sind auch die Agenturen für Arbeit, da diese für manche junge Menschen ausbildungsbegleitende Hilfen anbieten können.

Eine Unterkunft neu zu errichten, geeignete bestehende Gebäude für den Zweck umzubauen wird kein Träger der Jugendhilfe oder Jugendsozialarbeit im Rahmen des traditionellen Jugendwohnens finanziell bewältigen und refinanzieren können. Geeignete Immobilien und deren Bewirtschaftung gehören vor Ort in die Hände der lokal angesiedelten Wirtschaft, die das unternehmerische Risiko tragen und die Infrastruktur für das Jugendwohnen finanziell ermöglichen. Für die Betriebe ist das eine Investition in ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit. Jugendwohnen bietet ihnen Entlastung, bei neu eingestellten Auszubildenden, die neu Zuziehen und auch bei denen, die ihrer bisherigen familiären Situation entfliehen wollen.

Ein Angebot Jugendwohnen folgt dabei nicht einer vorhandenen Immobilie. Vielmehr ist die Konzeption federführend von der sozialpädagogischen Seite aus zu entwickeln, nach der Festlegung auf eine bestimmte oder mehrere Zielgruppen und deren spezifischer Betreuungs- und Unterstützungsbedarfe. Naheliegend ist es, für die sozialpädagogische Begleitung erfahrene Träger erzieherischer Angebote zu gewinnen.

Gelingensfaktoren einer lokalen Allianz zum Jugendwohnen sind: Flexibilität und erhebliche Kooperationskompetenz aller Beteiligten. Lokaler politischer Wille ist hilfreich wie auch ein Motor mit einer qualitativ hohen sozialpädagogischen Kompetenz. Und ohne die Bereitschaft der lokalen Wirtschaft und der Kommune, sich finanziell erheblich zu engagieren, wird es wohl keine neue Einrichtung des Jugendwohnens geben.

von Dr. Michael Seligmann

Zurück